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Interview mit Benjamin Otte, dem Hauptentwickler von Swfdec

04.05.2007, 13:34:50 - [Computer und Technik] - Lukas Brausch
Lizenz: Artikelart: Freier Artikel

Benjamin Otte ist der Hauptentwickler des freien Flash-Players » Swfdec und hat sich am 2.Mai 2007 freundlicherweise bereit erklärt mit dem Science-2Day Autoren Lukas Brausch ein Interview über sich, die Swfdec Entwicklung, die » GNU/Linux Community und die Zukunft von » FLOSS im Allgemeinen zu führen.
Zurzeit lebt er als Arbeitssuchender in Hamburg und hat neben der Swfdec-Entwicklung auch an » GStreamer und » GNOME mitgewirkt.

Lukas Brausch: Hallo, du bist der Hauptentwickler des freien Flash-Players » "Swfdec". Wie ist es denn dazu gekommen, dass du eben jenen zu entwickeln begonnen hast?
Benjamin Otte: Schuld war » dieser Blog Post, der auf » Planet Gnome auftauchte und einen Link auf » Youtube enthielt, den ich mir mal wieder nicht angucken konnte. Da habe ich bei mir gedacht "so schwer kann es doch nicht sein" und habe gesucht, was es so gibt. So fängt das bei mir eigentlich meistens an und in diesem Fall hatte ich nen Riesenspaß daran, weswegen ich auch weitergemacht habe. Das schöne an Flash ist, dass mit jedem kleinen Bugfix oder Feature auf einmal Hunderte Flash Dateien funktionieren.

L.B: Du hattest also ursprünglich lediglich für dich selbst begonnen zu programmieren. Hast du dazu bereits auf bestehende Lösungen zurück gegriffen oder von Grund auf etwas Neues entwickelt?
B.O: "Für mich" klingt immer so, als ob ich irgendwo alleine vor mich hinprogrammiere. Klar ging die Motivation von mir aus, ich hab aber von Anfang an andere Leute miteingespannt. Zum Beispiel bin ich ziemlich stolz auf die Performance-Arbeit an » Cairo, die daraus hervorgegangen ist. Ich hab mir am Anfang bestehende Flash Lösungen angeguckt, da ich keine Lust hatte alles nochmal zu machen, wenn es das schon gibt. Die beste Lösung war in meinen Augen dann Swfdec.

L.B: Hat es also im Laufe der Swfdec-Entwicklung auch Code gegeben, der an andere freie Projekte zurück gegeben wurde?
B.O: Die Swfdec-Entwicklung war schon immer eine Kooperation mit allen anderen Projekten, die mit Swfdec in Berührung gekommen sind. Also Cairo, Mozilla etc. Dazu gehört natürlich, dass wir uns gegenseitig unterstützen und auch Code für diese Projekte schreiben und übrigens auch umgekehrt.

L.B: Es gibt auch noch das von der » Free Software Foundation ins Leben gerufene, freie Projekt "» Gnash". Konntest du in diesem Programm bzw. dessen Code keine sinnvolle Lösung für deine bestehenden Probleme finden?
B.O: Natürlich hab ich mir auch Gnash angesehen. Der Gnash Programmcode erschien mir aber letztlich irgendwie konfus. Das führte dann zu einer Frustration und dem meist zitierten Satz aus meinem » Blog: "Gnash is low quality, written in C++ with Boost, requires Copyright assignment, svn doesn't even compile and it does less than my current Swfdec, so I didn't hack on it.". Ich habe den Gnash Programmcode auch bis heute nicht verstanden. Im Gegensatz dazu war Swfdec für mich sehr einfach zu verstehen, weil es zum einen nur auf Dingen aufgebaut war, die ich in- und auswendig kenne, nämlich GNOME Software. Dazu kommt, dass es von jemandem programmiert worden ist, dessen Programmierstil ich von der gemeinsamen Zeit als GStreamer Lead Developer genau kenne. Ich war also praktisch sofort zuhause.

L.B: Das heißt, dass Swfdec nicht von Anfang an dein Projekt war sondern zuvor bereits von jemanden betreut wurde?
B.O: Richtig. David Schleef hat daran zuvor gearbeitet. Alte Versionen von Swfdec (Versionen 0.3 und früher) kann man auch in diversen Distributionen noch antreffen.

L.B: Arbeitet ihr auch heute noch gemeinsam an Swfdec?
B.O: Ja, David macht auch noch einige Sachen, zB ist er der » Debian Packager. Aber er ist nicht mehr der Hauptentwickler. ;)

L.B: Seid ihr zufrieden, was die Integration von Swfdec in diverse Distributionen angeht und wenn nein, was könnte daran noch verbessert werden?
B.O: Distributionen sind sehr schnell darin, neue Software zu integrieren. Das war bei Swfdec genau so, wie ich es von vorherigen Projekten kannte. Natürlich wird es nicht standardmäßig installiert, aber dafür ist Swfdec auch noch nicht reif genug denke ich.

L.B: Kannst du zum jetzigen Zeitpunkt bereits eine Schätzung abgeben, wann Swfdec für den alltäglichen Gebrauch geeignet und somit fester Bestandteil vieler Distributionen sein dürfte?
B.O: Nein, überhaupt nicht. Ich weiss nur, dass ich für Youtube 6 Monate gebraucht habe. Die weitere Entwicklung hängt davon ab, wie viel Zeit ich habe, daran weiterzuarbeiten, oder davon, ob morgen auf einmal ganz viele neue Entwickler auftauchen, die mitmachen. Dann hängt es natürlich auch noch davon ab, wie viele Überraschungen das Flash Format noch hat, denen ich noch nicht auf die Schliche gekommen bin.
Wenn es so weitergeht wie bisher, würde ich ungefähr 1 Jahr schätzen bis Swfdec genug Flash Dateien abspielt um interessant als Standard-Option zu sein aber diese Aussage ist mit +-2 Jahren Genauigkeit zu verstehen. ;)

L.B: Du hast im Mai dieses Jahres eine Version herausgegeben, die Unterstützung für einige Youtube Videos mit sich bringt. Hat sich das Interesse seitens der Anwender dadurch signifikant gesteigert und konnten so einige neue Entwickler gewonnen werden?
B.O: Ja, die Unterstützung für Youtube hat Swfdec für viele Leute interessant gemacht. Vorher musste ich Leute auf Swfdec aufmerksam machen, inzwischen kommen sie von selbst. Es haben auch einige Programmierer angefangen mit Swfdec zu arbeiten (zB die gerade erschienenen » Python bindings). Allerdings gibt es keine neuen Entwickler für den Kern von Swfdec. Ich habe noch nicht einmal Interesse daran mitbekommen. Dabei hätte ich eigentlich sehr gerne jemanden, der mit mir zusammen daran arbeitet. Bislang muss ich alle Entscheidungen immer mit mir selbst ausmachen. Ausserdem finde auch meine eigenen Fehler nicht immer. ;)

L.B: Worin liegt deiner Meinung nach das Desinteresse der so oft zitierten GNU/Linux Community an einer Beteiligung der Entwicklung des Kerns?
B.O: Gute Frage. Zum Einen laufen natürlich nicht Unmengen an Entwicklern herum, die nichts besseres zu tun haben als anderen zu helfen und die dann auch noch Lust auf und Erfahrung mit » Reverse Engineering, Flash und C haben. Ich denke aber auch, die "Community" ist erwachsen geworden. Es ist heutzutage viel schwieriger Linux Software zu programmieren als es noch vor 5 Jahren war. Die Ansprüche der Benutzer sind gestiegen, genauso wie das Angebot an guter Software. Heute will jeder ein in den Desktop integriertes Programm haben, das in mindestens 20 Sprachen übersetzt ist, tolle Icons hat, nicht abstürzt, etc. Früher war man glücklich, wenn es überhaupt ein Programm gab, das ab und zu mal funktionierte. Viele Projekte sind auch viel größer geworden als früher. Das schreckt ab, da man sich so klein fühlt. Wegen all dieser Gründe gibt es viel weniger Neueinsteiger, die sich trauen und dann auch lange genug durchhalten.

L.B: Glaubst du, dass auch die Verfügbarkeit bereits funktionierender, » proprietärer Lösungen für » unixoide Systeme das Interesse vieler potentieller Swfdec Entwickler im Zaum hält?
B.O: Es trägt dazu bei, denke ich. Wenn man im Moment feststellt, woran es Linux Desktops am ehesten mangelt, dann fallen einem neben Flash vor Allem Grafikkartentreiber ein. Und bei beiden gibt es kostenlose Alternativen. Eine andere Sache, die jedoch auch dazu beiträgt ist, dass viele Programmierer denken, es sei schwer, so etwas zu entwickeln. Sonst hätte es schliesslich schon jemand getan. Zumindest haben mich viele Leute verwundert angesehen, als ich sagte, dass ich es nicht für besonders schwer halte Swfdec zu entwickeln.

Autor: Lukas Brausch
Quellen: /


Weiterführende Links zum Thema


» Wiki des Projekts
» Blog von Benjamin Otte
» Zweiter Teil des Interviews


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