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01.07.2007, 00:21:28 - [Weltraum] - Lukas Brausch Lizenz: 
Hannes Griebel, der erste Vorsitzende der Mars Society Deutschland hat sich freundlicherweise dazu bereit erklärt mit dem Science-2Day Autor Lukas Brausch ein Interview zu führen. Hierbei sprach der im Oktober 1975 in Freiburg geborene und am Institut für Raumfahrttechnik, Universität der Bundeswehr in München arbeitende Ingenieur über die Ziele der Vereinigung, das Raumfahrtprojekt ARCHIMEDES und die Chancen, die sich daraus ergeben.
Lukas Brausch: Erzählen Sie uns doch bitte für den Anfang einmal wer Sie sind, was die "Mars Society" ist und welche Projekte bzw. Aktivitäten sie betreibt um ihre Ziele voran zu bringen.
Hannes Griebel: Ich bin Präsident der » Mars Society Deutschland e.V. und
wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Raumfahrttechnik der
» Universität der Bundeswehr München. In dieser Funktion arbeite ich als
Chefingenieur am Mars Ballon Projekt » ARCHIMEDES und plane Radio
Sondierungs Experimente mit der Raumsonde » Mars Express.
Die Mars Society Deutschland e.V. ist ein als gemeinnützig anerkannter
technisch wissenschaftlicher Verein. Unsere Ziele sind die aktive
Durchführung von Raumfahrtprojekten (z.B. das Mars Ballon Projekt
ARCHIMEDES), die Nachwuchsförderung (z.B. durch Praktika,
studienbegleitende Arbeiten, Unterrichtsaktivitäten) sowie die
Öffentlichkeitsbildung (z.B. durch Vorträge).
LB: Warum glauben Sie, dass es angesichts der offensichtlichen Probleme der Welt, was zum Beispiel Kriege, Hungersnöte oder Krankheiten impliziert, notwendig ist viele Mittel und viel Arbeitsaufwand in die Erforschung des Mars zu investieren?
Wären diese Mittel nicht besser in der Bekämpfung naheliegender Probleme
aufgehoben?
HG: Ihre Frage impliziert, dass es einen Zusammenhang gibt zwischen der
Raumfahrt (oder der Forschung allgemein) und den politischen und
sozialen Problemen in der Welt.
Dem ist aber nicht so. Die meisten Hungersnöte und Probleme in dieser
Welt werden erzeugt durch Kriege, Ausbeutung und religiös motivierte
Konflikte. Das findet unabhängig davon statt, ob wir nun in den Weltraum
fliegen oder nicht.
Diese Probleme sind alle sehr komplex, und lassen sich nicht dadurch
lösen, dass wir einfach mehr Geld verteilen.
Entgegen der landläufigen Meinung liegt es nämlich nicht an der
Gesamtmenge an Geld. Geld ist in der Welt im Übermaß vorhanden. Für die
Raumfahrt wird davon auch kaum etwas ausgegeben. Die Mars Sonde Mars
Express hat ca. 250 Mio Euro gekostet. Das mag viel klingen - für die
gesamte EU auf über 10 Jahre gerechnet ist es jedoch kaum der Rede wert.
Das neue Münchener Fußballstadion hat genau so viel gekostet.
Indes wird für Waffen in dieser Welt grob gerechnet etwa 1000 mal mehr
ausgegeben, als für die Erforschung des Weltraums - Dunkelziffern nicht
eingerechnet. Gerade durch diese Waffen aber wird das meiste Leid erst
erzeugt.
Würden sie dagegen die gesamten weltweiten Raumfahrtbudgets direkt an
alle Menschen verteilen, die unterhalb der Armutsgrenze leben, bekäme
jeder etwa 5-10ct am Tag. Würden sie nur die Gelder für die
Weltraumforschung verteilen, bekäme jeder nur 1ct.
Der Menschheit fehlt es also weder an Arbeitsleistung noch an Geld. Der
Menschheit fehlt ein ausreichendes Maß an Rücksicht, Vernunft, Weitsicht
und Toleranz. Das sind menschliche Probleme, die sich weder mit Geld
noch Technik lösen lassen.
Auf der anderen Seite hat uns die Raumfahrttechnik inzwischen die
Mikrocomputer, die Fernaufklärung, die Nachrichtentechnik und die
Wetterbeobachtung, die globale Navigation und die Umweltbeobachtung
gebracht.
Wie jede Grundlagenforschung bringt uns auch die Erforschung des
Weltraums zunächst eine Vermehrung des Wissens, sowie der technischen
Fähigkeiten und Fertigkeiten. Das hat uns in der Vergangenheit immer
etwas gebracht. Der Erfolg ist jedoch nicht planbar.
LB: Gehen Sie denn davon aus, dass sich signifikante Erfolge in den nächsten
Jahren bzw. Jahrzehnten bei der Erforschung des Mars und der bemannten
Raumfahrt einstellen werden?
Wie werden diese Ihrer Meinung nach aussehen und mit welchen Techniken
werden sie erreicht?
HG: Welche Erfolge sich auf einem Forschungsgebiet einstellen, lässt sich generell nur sehr schwer abschätzen. Im Bereich der Marsforschung gibt es aber sehr viele ungeklärte Fragen, zu deren Beantwortung wir bei intensiver Forschung auf neue Erkenntnisse hoffen dürfen. Dabei dreht es
sich immer noch um den Verbleib des Wassers, die Entwicklung seiner
Atmosphäre und die Frage nach dem möglicherweise einmal vorhanden
gewesenen Leben.
Dieser Zuwachs an Erkenntnissen wird mit Sicherheit kommen, nur ist es
schwer vorherzusagen, auf welchem Gebiet und in welcher Form.
Im Bereich der Raumfahrttechnik selbst werden wir im Wesentlichen einen
Zuwachs an technologischen Fähigkeiten und Fertigkeiten beobachten.
Dieser Zuwachs wird sich auch generell auf unsere Technologie auswirken,
nicht nur die Raumfahrt selbst. Aber auch hier ist eine Prognose kaum
möglich.
Die Vergangenheit hat das sehr schön gezeigt: Wer hätte schon zu Zeiten
der Apollo Guidance Computer Entwicklung gedacht, dass einmal
millionenfach leistungsstärkere Geräte in jedem Haushalt stehen.
Andererseits ging man davon aus, bereits Mitte der 80er routinemäßig
bemannte Marsmissionen durchzuführen.
Wir können aber auf jeden Fall sagen, dass wir von einer
technologischen Höchstleistung wie bemannten interplanetaren Expeditionen
einen riesigen Erkenntnis- und Fähigkeitsgewinn erwarten dürfen. Auch
das hat die Vergangenheit eindrucksvoll gezeigt.
L.B:
Sind Sie der Meinung, dass (ähnlich wie bereits nach früheren
Raumfahrtsmissionen) die neuen technologischen Errungenschaften auch in
Zukunft das Leben auf der Erde verändern bzw. prägen werden?
Sind Sie der Meinung, dass die bemannte Raumfahrt durch diese
eventuell gesteigerte Aufmerksamkeit auch auf breitere Unterstützung
finanzieller und/oder gesellschaftlicher Natur treffen wird?
H.G: Auf jeden Fall werden einige technologischen Fortschritte im Weltraum
auch Einzug in unseren Alltag halten. Das ist auch ganz logisch, da wir
damit ja unsere allgemeinen Fähigkeiten ausbauen, die an vielerlei
Stellen Verwendung finden können. Technologien sind in den aller
seltensten Fällen wirklich isoliert zu betrachten. Der Mikrowellenherd
ist beispielsweise ein Kombination aus dem Küchengerätebau und der
Entwicklung von Hochfreqenztechnik zur militärischen Kommunikation und
Radartechnik. So eine Kombination ist zunächst nicht naheliegend, hat
sich aber im Laufe der Technik Entwicklung ergeben.
Das deshalb die öffentliche Unterstützung für bemannte Expeditionen in
den Weltraum hinaus ansteigen wird, halte ich für unrealistisch. Schon
alleine deshalb, weil sich komplexe Zusammenhänge in der öffentlichen
Meinung nur schwer durchsetzen, und weil die breite Öffentlichkeit Ihre
Meinung überwiegend emotional bildet.
Hinzu kommt, dass die Zeithorizonte dieser Entwicklungen so lange sind,
dass sie von den wenigsten Menschen überblickt werden können. Stellen
Sie sich Keplers Zeitgenossen vor, denen in der Masse die Gesetze der
Himmelsmechanik wohl reichlich egal gewesen sein dürften. Aber ohne sie
wäre unser modernes Leben völlig undenkbar.
Umgekehrt wage ich aber die Hoffnung zu äußern, dass ein umfangreiches
bemanntes Erkundungsprogramm das allgemeine Interesse an Wissenschaft
und Bildung ansteigen lässt, indem es die Faszination der Menschen
motiviert.
L.B: Glauben Sie, dass der Mars langfristig mehr Potential bieten und eventuell gar zu einer zweiten Heimat des Menschen werden könnte?
H.G:
Nein, das glaube ich nicht. Der Mars ist eine Wüste und die Erde ein Garten.
Ich bin davon überzeugt, dass der Mensch in den Weltraum aufbrechen
sollte, aber aus wissenschaftlichen Gründen. Möglicherweise auch, um
eines Tages Rohstoffe aus dem Weltraum zu nutzen, oder die
Weltraumumwelt zu Produktionszwecken oder zum Tourismus zu nutzen.
Aber siedeln auf dem Mars ist absolut uninteressant. Betrachten wir alle
Bevölkerungswanderungen in der Geschichte der Menschheit, so stellen wir
fest, dass diese immer nur dann freiwillig statt fanden, wenn es in der
Heimat so schlecht ging, dass man sich von einer Umsiedlung eine
Verbesserung der Lebensbedingungen versprach.
Wenn der Mars also keine Sträflingskolonie werden soll, so muss er etwas
bieten, was eine Besiedlung interessant macht. Aber das trifft nicht zu.
Schon alleine, weil der Mars kein globales Magnetfeld hat, und ihm damit
jeder wirksame Schutz gegen die Strahlung fehlt. Geschieht eine
Sonnenerruption, wäre jeder ungeschützte Mensch innerhalb weniger
Minuten einer tödlichen Strahlungsdosis ausgesetzt.
Diejenigen, welche sich rechtzeitig in Schutzräume retten können, müssen
dort Tage lang ausharren.
Für wissenschaftliche Expeditionen ist das zumutbar, aber um Kinder groß
zu ziehen (und das bedeutet Siedeln ja letztendlich) sind diese
Bedingungen absolut inakzeptable.
Hinzu kommt, dass es auf dem Mars außer Wissenschaft nichts zu tun
gibt. Jedenfalls nichts, um den Lebensunterhalt zu bestreiten. Warum
sind denn unsere Wüsten, Steppen und Tundren auf der Erde nicht oder nur
so dünn besiedelt? Die sind viel lebensfreundlicher als der Mars!
Die Menschheit kann aus der bemannten interplanetaren Raumfahrt einen
großen Vorteil ziehen, aber die Besiedlung des Mars gehört nicht dazu.
L.B: Sind Sie der Meinung, dass sogenanntes Terraforming Bedingungen, wie auf der Erde schaffen könnte?
H.G: Physikalisch ist das denkbar. Aber die technische Umsetzung halte ich
für unrealistisch. Unabhängig von der technischen Machbarkeit, von der
wir etwa so weit entfernt sind wie die Hunnen vom Bau eines
Elektronensychrotrons, wird die Bewegung von Masse im planetaren Maßstab
auch Kosten im planetaren Maßstab verschlingen. Mit
Investitionshorizonten von etlichen 100 Jahren. Selbst in einer ganz
fortschrittlichen Zukunft wird es wohl sehr schwer werden, einen
Investor hierfür zu gewinnen.
L.B: Um noch einmal auf die Aktivitäten der Mars-Society zurück zukommen.
Was genau ist das ARCHIMEDES-Projekt und welche Techniken kommen dort
zum Einsatz?
H.G:
ARCHIMEDES ist nach dem griechischen Philosophen » Archimedes von Syrakus
benannt, der das Schwimmprinzip erkannt hat. Der Name steht außerdem
für die Worte „Aerial Robot Carrying High-resolution Imaging, a
Magnetometer Experiment and Direct Environmental Sensors“.
Dabei geht es darum, Messdaten aus dem gesamten Höhenbereich der
Marsatmosphäre zur Erde zu übertragen.
Wir lösen das Problem, in dem wir zum ersten Mal einen
Hyperschall-Bremsballon zum Einsatz bringen wollen. Dabei wird weit
draußen im Weltraum, noch lange vor dem ersten Eintritt in die
Atmosphäre, ein kugelförmiger Überdruck-Ballon mit Helium aufgeblasen.
Dieser Ballon, der sehr groß (10m Durchmesser) und sehr leicht ist (ca.
30-35 kg) tritt dann mehrmals hintereinander in die Atmosphäre ein, um
Messdaten in den äußeren Atmosphärenschichten zu sammeln. Wenn der
Ballon durch dieses Bremsmanöver so viel Fahrt verloren hat, dass er
nicht mehr in den Weltraum hinaus fliegen kann, sinkt er sehr langsam,
unter anderem auch durch den statischen Auftrieb des Heliumballons
gebremst, zur Marsoberfläche ab, um über den restlichen
Atmosphärenbereich auch noch Daten zu sammeln.
Die Absinkdauer wird dabei etwa bis zu einer Stunde betragen. Mit
normalen Fallschirmen ist das nie zu schaffen, weil die Marsatmosphäre
so dünn ist (Bodendruck etwa 7 tausendstel der Erdatmosphäre).
Neben den rein wissenschaftlichen Zielen hat ARCHIMEDES aber noch zwei
weitere Ziele. Zum einen ist er ein Technologieträger, welcher zum
ersten Mal einen Hyperschall-Bremsballon (in der Fachsprache "Ballute",
ein Kunstwort aus den Worten "Balloon" und "Parachute“) zum Einsatz bringt. Diese
Technologie ist nämlich auch für die zukünftige Durchführung von
Raumflugmanövern in den äußeren Schichten von Planetenatmosphären
interessant, da hierbei nicht wie heute üblich große Mengen an
Raketentreibstoff verbrannt werden müssen.
Zum anderen ist ARCHIMEDES aber auch ein Vehikel, um Schülern und
Studenten die Arbeit an einem echten, interplanetaren Raumfahrtprojekt
zu ermöglichen und damit nicht nur die Ausbildung, sondern auch die
Begeisterung für technisch-wissenschaftliche Disziplinen zu wecken und
zu fördern.
L.B: Wird dieses Projekt alleine von der Mars-Society getragen und
durchgeführt oder können Sie hierbei auch auf Unterstützung seitens
diverser Organisationen, die sich der Raumfahrt verschrieben haben,
zählen?
H.G:
Das Projekt wurde von der Mars Society Deutschland e.V. initiiert und
wird von ihr auch im Wesentlichen zusammengehalten. Aber es wird
natürlich auch von Universitäten und Firmen getragen. Hauptsächlich
involviert sind hier die Institute für Raumfahrttechnik, Thermodynamik,
Leichtbau, Mechanik, Photogrammetrie und Kartographie sowie
Werkstoffkunde der Universität der Bundeswehr München. Für sie ist das
Projekt als solches schon Neuland, da bisher noch nie derart viele
Institute, schon gar nicht fakultätsübergreifend, miteinander zusammen
an einem Projekt gearbeitet haben.
Die wissenschaftlichen Instrumente kommen von Forschern in Instituten,
Firmen und Universitäten aus verschiedenen Orten in Deutschland,
Finnland, und Rumänien.
Hinzu kommt die freundliche Unterstützung des Raumfahrttestzentrums der
Firma IABG mbH in Ottobrunn, der Firma Lohmann Tapes in Neuwied, der
Firma J.Oed GmbH Nürnberg sowie eine Vielzahl von kleineren Firmen und
Privatpersonen.
Erwähnt werden müssen an dieser Stelle aber auch die stillen
Unterstützer, die uns durch zahlreiche Geld- und Sachspenden die Arbeit
erst ermöglichen.
Autor: Lukas Brausch
Quellen: /
Weiterführende Links zum Thema
» Mars-Society Deutschland
» Mars-Society international
» ARCHIMEDES Projekt
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